Das deutsch-englische Wörterbuch übersetzt den Terminus „clutch“ mit „Kupplung“, wahlweise auch mit „Kupplungsbremseinheit“. Das klingt natürlich langweilig, aber die Amerikaner nutzen dieses kleine Wort noch für viel größere Dinge. „To clutch“ heißt immer auch, in einer Sportart einen Punkt oder Korb zu erzielen, der mindestens spielentscheidend ist. Es war diese Eigenschaft, mit deren Hilfe die Stuttgarter den Tübingern am Samstag den Regionalliga-Titel abluchsen sollten.
Niemand weiß, was passiert wäre, hätte Tübingens Marcel Hering im ersten Durchgang des ersten Spiels nicht um zwanzig Zentimeter einen Homerun verpasst. Oder hätten die Tübinger im letzten Durchgang ihre Chancen zur 2:1-Führung genutzt. Baseball wird aber weiterhin nicht durch verpasste Chancen, sondern durch erfolreiche Schläge in wichtigen Momenten entschieden (siehe im Englisch-Wörterbuch: „to clutch“), daher kam alles ganz anders: Ein Double der Stuttgarter im letzten Durchgang gegen den bis dahin glänzenden Pitcher Hering, ein schwacher, aber platzierter Schlag hinterher – die Reds hatten die Partie mit zwei einfachen Kontakten in letzter Sekunde entschieden.
Trainer Daniel Helle (im Bild) bestellte seine Spieler, die beide Spiele am Samstag hätten gewinnen müssen, um doch noch den Titel zu erobern, zum Eil-Rapport ein, weit weg von den Zuschauern. Er wusste um die Enttäuschung, aber auch um die bundesligareife Leistung seiner Spieler an diesem Tag. Helle war nicht böse um die bittere Niederlage, die Habichte hatten ihre Titelchancen ja schon in den Wochen vor dem Finalkrimi geschmälert. „Ich bin stolz, mit Euch gespielt zu haben“, sagte Helle. Noch war ein Spiel zu spielen, die Saison war für die Hawks aber eigentlich schon beendet.
Jetzt trieben die Stuttgarter nämlich auf der Euphoriewelle, während die Hawks von der Enttäuschung zu Boden gedrückt wurden. Jetzt schlugen die Stuttgarter einen Homerun zum richtigen Zeitpunkt, während die Habichte Leichtsinnsfehler zur Unzeit begingen. Als die Stuttgarter ihren 6:1-Erfolg im zweiten Spiel des Tages samt Meistertitel mit den rund 150 Anhängern feierten, standen die Tübinger Spieler regungslos an der Seitenlinie, schüttelten den Kopf, verließen wortlos den Platz. Die meisten für sich.
Wie viele Spieler im kommenden Jahr zu den Hawks zurückkehren, ist ungewiss. Nachwuchshoffnung Kevin König wechselt nach Regensburg, Routinier James Price verlässt die Hawks ebenfalls. Marcel Hering, wertvollster Tübinger Akteur in dieser Saison, weiß noch nicht so recht, wie und wo er weitermachen wird. Sollte Hering sich verabschieden, könnten weitere Leistungsträger ebenfalls von Bord gehen.
„Wir wollen auf jeden Fall mit Euch weitermachen“, teilte Hawks-Vizepräsident Stefan Feldweg den Spielern Minuten nach der zweiten Partie mit. Die Mannschaft, zu der er sprach, hatte in dieser Saison nach zwei von Niederlagen geprägten Bundesligaspielzeiten ja weitestgehend überzeugt und nur beim Schlussspurt auf der Zielgeraden ein wenig geschwächelt. Das ging im Lärm der Stuttgarter Festivitäten wenige Meter neben der Hawks-Ersatzbank allerdings ein wenig unter. Die meisten Spieler nahmen Feldwegs Angebot schweigend zur Kenntnis.
Tübingen Hawks: Helle, Cassisa, Jeworowski, Hering, Führmann, Burkhart, Friedmann, Supper, Knuth, Nakamura, Gluns, Heim, Feldweg.
Foto: © Sebastian Faber



